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Beate Christiane Dethlefs:
Renaissance-Projekt
Schülerorientierter Musikunterricht in der Sekundarstufe II
Das Renaissance-Projekt habe ich im Rahmen eines Halbjahreskurses »Musikgeschichte als Kulturgeschichte« in mehreren Grundkursen der
Jahrgangsstufe 12 durchgeführt. Die Idee, eine den Schülern[i] so fern liegende Epoche im Rahmen eines Projektes entdecken zu lassen, ist beim
Nachdenken über ein neues Unterrichtskonzept zur Musikgeschichte entstanden. Renaissance habe ich früher auf »bewährte Weise«[ii] unterrichtet:
Durch die Analyse einiger A-Capella-Chorlieder sollten die Schüler typische Merkmale der Renaissancemusik kennen lernen. Später hatte ich oft den
Eindruck, dass die Schüler kaum etwas über die Renaissance wussten. Manche Schüler fanden die Musik einfach »zu alt« und »zu langweilig«, offenbar hatten sie keine persönliche Beziehung dazu gefunden.
Aber muss Musikgeschichte immer langweilig sein?[iii] Wie müsste Musikunterricht gestaltet werden, damit Jugendliche Zugang finden können zu
einer Musik, die ihrem Geschmack nicht entspricht und in ihrem Leben anscheinend keine Rolle spielt?Wie können sie Interesse an Musikgeschichte finden sowie Erfahrungen und Erkenntnisse gewinnen?
Eine Epoche kann man nicht kennenlernen ohne die Musik, da diese ein wesentlicher Bestandteil menschlicher Kultur ist. Die musikalischen
Stilmerkmale, die häufig anhand typischer Gattungen einer Epoche erarbeitet werden, sind ohne den kulturgeschichtlichen Kontext für die Schüler
uninteressant. Gerade die Querverbindungen zu anderen Aspekten lassen eine Epoche für die Schüler lebendig werden, lassen sie Bezüge zu ihrer Lebenswelt entdecken.[iv]
Die Renaissance scheint mir für einen fächerübergreifenden Unterricht besonders geeignet zu sein. Die Umbruchsituation, die Entstehung eines neuen
Weltbildes und die Veränderung des Menschenbildes, die rasante Entwicklung in Wissenschaft und Technik, soziale Ungleichheit und ökonomisch
-gesellschaftliche Machtpositionen, Nationalitätsgedanken, Europagedanken, Rolle der Kirchen - das sind Aspekte, die mit den gesellschaftlichen
Problemen der Gegenwart und Zukunft zusammenhängen und somit für die Schüler eine Lebensaktualität haben.
Um die Interessen und Fähigkeiten der Schüler einzubeziehen, bietet sich die Form des Projektunterrichts an. Ein wichtiges Merkmal des
projektorientierten Arbeitens ist es, die »Selbstorganisation und Selbstverantwortung«[v] der Jugendlichen hinsichtlich der Planung des gemeinsamen
Lernprozesses zu fördern. Projektthemen wie z.B. »Musik und Gewalt«[vi] gehen üblicherweise von den Interessen der Schüler und aktuellen Anlässen
aus. Die Motivation ist daher meist von vornherein gesichert, die notwendigen Informationen und geeignete Musikbeispiele bringen die Schüler selber mit.
Hier liegt ein Thema vor, über das die Schüler kaum Informationen haben. Die Musik dürfte ihnen weitgehend unbekannt sein. Trotzdem soll der
Musikunterricht weitgehend schülerorientiert durchgeführt werden.
Bereits seit Ende der 70er Jahre wird über mehr Schülerorientierung diskutiert. Die damals vorherrschende Unterrichtsform ist der lehrerzentrierte
Frontalunterricht, bei dem die Schülerinnen und Schüler nicht als aktiv lernende Subjekte zur Geltung kommen, sondern als Objekte, die die
Lernanordnungen der Lehrerinnen und Lehrer gehorsam auszuführen haben. Diese traditionelle Unterrichtsform ist auch heute noch vielfach - vor allem
in der gymnasialen Oberstufe - zu finden. Dies gilt, obwohl z.B. die Richtlinien für die gymnasiale Oberstufe in Nordrhein-Westfalen bereits 1981
»Selbstverwirklichung in sozialer Verantwortung« als allgemeines Lernziel vorsehen, das nicht erreichbar ist ohne die Bereitschaft und Fähigkeit, sich mit anderen zu verständigen und mit anderen zusammenzuarbeiten.[vii]
Ich möchte hier den schülerorientierten Prozess der Planung und Themenfindung angesichts eines unbekannten Themas darstellen.
Fächerübergreifender Unterricht
Die Renaissance als historische und kulturelle Epoche könnte als fächerverbindendes Thema in verschiedenen Fächern gleichzeitig behandelt werden.
Dabei wird der »Unterricht in zwei oder mehr Fächern bzw. Kursen … schon in der Planung aufeinander bezogen, gewissermaßen synchronisiert, aber
weiterhin getrennt durchgeführt. Besonders naheliegend und lohnend ist dies für die thematische Behandlung von … historischen Epochen (Verbindung von Geschichte, Kunst, Literatur, Musik, Religion …).«[viii] Eine Verbindung mehrerer Fächer wie in der Sekundarstufe I, wo z.B. die Lehrer für Musik,
Deutsch und Geschichte in derselben Lerngruppe kooperieren können, ist in der gymnasialen Oberstufe nicht ohne weiteres möglich[ix]. Im Fach Musik gibt es aber Gestaltungsspielräume für die Unterrichtsplanung durch den Lehrer sowie für die Auswahl der Inhalte und Methoden durch die
Schüler.
In einer Unterrichtsform, die die Selbständigkeit der Schüler favorisiert, kann durchaus ohne die Kooperation mit anderen Fachlehrern
fächerübergreifend gearbeitet werden. Daher habe ich den fächerübergreifenden Projektunterricht innerhalb meines Fachunterrichts durchgeführt. Ich bin
davon ausgegangen, daß Schüler im 12. Jahrgang des Gymnasiums viele Fachkenntnisse und Fähigkeiten mitbringen, die sie in anderen Fächern oder außerhalb der Schule erworben haben.
Schülerorientierung bedeutet in diesem Unterrichtskonzept nicht, sich nach den vorrangigen Interessen der Schüler zu richten, z.B. ausschließlich
praktisch zu arbeiten oder Rock- und Popmusik durchzunehmen. Der Schüler wird als »gebildete« Persönlichkeit behandelt, die mehr als elf Jahre die Schule besucht und vieles gelernt hat.
Bei manchen Themen hat ein Schüler als »Experte« möglicherweise einen erheblichen Informationsvorsprung gegenüber dem Lehrer. Während Schüler
sich im Fachunterricht üblicherweise als »Laien« gegenüber dem Lehrer als »Experten« erleben, können in diesem fächerübergreifenden Ansatz
einzelne Schüler ihre spezielle Fachperspektive vertreten. Hier kann »ansatzweise gelernt werden, sich dem „Laien“ verständlich machen zu müssen
und auszuhalten, daß die eigenen Selbstverständlichkeiten aus anderer fachlicher oder Laien-Sicht nicht geteilt werden.«[x]
Es ist eine wichtige Aufgabe der Schule, nicht lediglich neues Wissen zu vermitteln, sondern die vorher erworbenen Informationen zu gesichertem
Wissen zu verarbeiten. Die Umsetzung eines solchen Konzepts des fächerübergreifenden Unterrichts erfordert vom Lehrer eine starke methodische
Flexibilität und ein Umdenken in bezug auf die traditionellen Rollenbilder. Der Lehrer ist nicht Belehrender, sondern Helfer im Lernprozess, er
übernimmt Moderationsaufgaben und akzeptiert Schüler und außerschulische Personen als Experten. [Material 6]
Projektvorplanung des Lehrers
Auch schülerorientierter Musikunterricht muss vom Lehrer inhaltlich und organisatorisch vorgeplant werden. Durch die vorbereitete »Projektskizze«[xi] [Material 1] bekommen die Schüler Informationen zu möglichen Inhalten und fachspezifischen Lernzielen. Da die Schüler noch
nichts über das Kursthema und die vorgesehene Unterrichtsform wissen, plane ich Sachinformationsphasen zu methodischen und
fachbezogenen Aspekten sowie zu fachunabhängigen Arbeits- und Lerntechniken ein. Ich stelle alles verfügbare Material, wie Fachliteratur, Noten, Schulbücher, Tonträger und Filme zu einem »Materialpaket« zusammen. [Material 2]
Eine gemeinsame Klausur ist im Projektunterricht wegen der inhaltlichen Differenzierung und des fächerübergreifenden Ansatzes kaum durchführbar.
Daher bekommen die Schüler die Möglichkeit, eine schriftliche Hausarbeit in Verbindung mit der Projektarbeit anzufertigen[xii].
Einstieg [Material 4]
Zu Beginn des Kurses spreche ich mit den Schülern über den geplanten Projektunterricht. Dabei entsteht eine lebhafte Diskussion, in der Kritik am
herkömmlichen Unterricht, an der mangelnden Allgemeinbildung und an der ungenügenden Vorbereitung auf Studium und Berufsleben geäußert wird.
Viele Schüler sind daher motiviert, in der Projektarbeit Formen wissenschaftlichen Arbeitens und selbständigen Lernens erproben sowie Team- und Kooperationsfähigkeit trainieren zu können.
In der ersten Sachinformationsphase geht es um Arbeits- und Lerntechniken, wobei sich die »Lernbox«[xiii] sowie entsprechende Literatur[xiv] als sehr
nützlich erweist. Themensuche, Beschaffung von Informationen und Material, Auswertung der Informationen, Schreiben und Darstellen, Erarbeiten und
Präsentieren, Regeln der Gruppenarbeit - solche fächerübergreifenden Techniken waren in der Sekundarstufe I bisher kaum thematisiert worden.
Zum Einstieg in das neue Themengebiet lernen die Schüler die gängigen Musiklexika kennen: Schülerduden, dtv-Atlas, Meyers Taschenlexikon,
Riemann, MGG. Die Artikel zum Stichwort »Renaissance« werden ausgewertet, die wichtigen Begriffe in Form einer »Mind Map«[xv] dargestellt. Ein
weiterer Artikel aus dem allgemeinen dtv-Lexikon bringt Hinweise auf fächerübergreifende Aspekte des Themas. Ein besonders engagierter Schüler
erstellt eine ausführliche Mind Map, die als »Wegweiser« für alle Schüler dient. [Material 3]
Der Film »Ein fürstliches Vergnügen«[xvi] sowie ein Lehrervortrag über Chormusik der Renaissance stimmen auf die Renaissance ein. Die Schüler
»lernen« allerdings aufgrund ihrer überwiegend passiven Rezeption nicht viel. In einem anderen Kurs habe ich Film und Lehrervortrag daher weggelassen - es war kaum ein Unterschied erkennbar.
Die umfangreiche Materialsammlung ist als »Anstoß« der Projektarbeit viel wirkungsvoller. Die Schüler stöbern mit Interesse in der Fachliteratur, sie
unterhalten sich darüber und bekommen Ideen für ihre Arbeit. Zahlreiche CDs werden abgehört, um geeignete Musikbeispiele zu finden oder sich
einfach in den Klang der Musik einzuhören. Für die Suche nach passenden Noten und Texten ist die Musikpädagogische Datenbank des AfS sehr hilfreich.
Planungsphase im Kurs
Die schwierigste Phase im Renaissance-Projekt ist der Prozess der Themenfindung. Viele Lehrer halten es für unmöglich, dass Schüler in einem
unbekannten Gebiet ihre Themen selbst bestimmen. Der Widerspruch zwischen der Orientierung an den Schülerinteressen und der Notwendigkeit des
Erwerbs von Fachwissen scheint kaum lösbar zu sein. Die vorausgehende Sachinformationsphase soll gemeinsame fachliche Grundlagen für alle
Schüler sichern. Im Verlauf des Projektes hat sich gezeigt, dass die Orientierung an den Schülerinteressen und der fächerübergreifende Ansatz eine
starke fachliche Spezialisierung zur Folge haben. Nicht alle notwendigen Kenntnisse können vorab vermittelt werden. Oft sind individuelle Lektionen
notwendig. Der Vergleich mehrerer Kurse zeigt, dass jeweils Verschiedenes gelernt wird. Erst die Zusammenschau aller Ergebnisse ergibt für die Schüler ein umfassendes Bild der Epoche Renaissance.
Nachdem die Schüler die fachlichen und methodischen Belehrungen aufgenommen haben, können sie in der Ideensammlungs- und Assoziationsphase
aktiv werden. Auf Zetteln notieren sie Themenaspekte und formulieren Fragen, Vermutungen und Interessen. Beim Vorlesen der Zettel gibt es Staunen,
Heiterkeit und Neugier. In einer mündlichen Sammlungsphase wären sicher manche Aspekte als »schuluntypisch« und damit nicht brauchbar ausgesondert worden[xvii]. Ich fasse die Schülerassoziationen zu thematischen Schwerpunkten zusammen und stelle sie den Schülern in einer
Übersicht zur Verfügung. [Material 5]
Jetzt erst beginnt die Findung der Projektgruppen-Themen. Motiviert durch die Vielfalt der thematischen Aspekte und die erkennbaren
Interessenschwerpunkte des Kurses versuchen die Schüler, verschiedene Aspekte zu kombinieren und Projektthemen zu formulieren. Fast alle
Projektarbeitsgruppen bilden sich im Laufe der Diskussion, auch einige »Solisten« finden schließlich zueinander.
Diese Planungsphase wird von den individuellen Interessen der Schüler bestimmt. Daher ist das Ergebnis in jedem Kurs anders. Während ein Kurs
stärker fachbezogene Interessen hat, gibt es in einem anderen Kurs viele Fragen zur Lebensweise der Menschen:
Alltagsleben in der Renaissance - Feste/Parties - Kleidung - Wohnungseinrichtung - Sanitäre Einrichtungen/Körperpflege - Sexualität - Alkohol/Nikotin
- Freizeitbeschäftigungen/Sport - Die Rolle der Frau/ ihre soziale Stellung - Verbrechen / Kriminalität - Fortbewegungsmittel - Reichtum
Die Idee des Renaissance-Projektes erlaubt solche Themen ausdrücklich, allerdings muss immer die Verbindung zur Musik gesucht werden. Die
»Projektbibliothek« enthält allerdings keine passenden Materialien. Nachdem die Schüler gemerkt haben, dass sie sich selbst um Material zu ihren
speziellen Interessengebiete kümmern müssen, geben sie ihre anfängliche »Konsumentenhaltung« auf und werden aktiv. Sie besuchen Bibliotheken in
Nachbarstädten und Universitäten, sie recherchieren im Internet - und sie finden erstaunlich viele Informationen. Als Lehrer bin ich in dieser Phase
stark gefordert. Ich höre mit Interesse zu und berate die Schüler in vielen Einzel- und Gruppengesprächen. Besonders bei der Suche nach passenden
Musikbeispielen bin ich als »Fachexperte« nützlich. Hier lässt sich erkennen, wie effektiv ein solcher Projektunterricht sein könnte, wenn mehrere
Fachlehrer, z.B. für Kunst, Geschichte oder Literatur zur Verfügung stehen würden.
In dieser ausgedehnten Planungsphase findet jeder Schüler seinen individuellen Zugang zum Thema. Fast alle Schüler sind jetzt hoch motiviert und
entwickeln während des Projektes ein erstaunliches Durchhaltevermögen.
Die Projektgruppen haben folgende Themen bearbeitet:
Kirchenmusik/Baukunst
Wissenschaft/Instrumentenbau
Kompositionslehre
Weltbild der Renaissance - Musikleben
Erfindung des Notendrucks
Frühgeschichte und Merkmale der Oper - aufgezeigt an Monteverdis Oper L’Orfeo
Der Einfluß der Geisteshaltung auf die Kunst am Beispiel der Architektur der Renaissance
Josquin Desprez
Musik in der Gesellschaft in Italien
Instrumente der Renaissance
Feste der Renaissance
»Der Traum vom Fliegen«
Leonardo da Vinci - Naturwissenschaftliche Errungenschaften und Erfindungen
Malerei der Renaissance: Leonardo da Vinci
Bildung und Erziehung
Der Einfluß der Wissenschaft auf die Musik der Renaissance am Beispiel der Astronomie
Das private Leben in der Renaissance
Die Rolle der Frau in der Renaissance
Es folgt ein kurze Phase der Gruppenplanung, um Ziel, Fragestellung und das geplante Produkt zu verabreden. Jede Gruppe soll einen Arbeitsplan
entwickeln, den Zeitrahmen festlegen, den Bedarf an Material und Medien sowie die organisatorischen Fragen klären. Viele Schüler halten das nicht für
notwendig. Auftretende Schwierigkeiten werden jedoch mit zunehmender Selbständigkeit bewältigt und als Ansporn für die weitere Arbeit betrachtet.
Einige Schüler neigen dazu, gar nicht mehr um Rat zu fragen, weil sie glauben, »es wird schon irgendwie weitergehen«. Daher gibt es ein
wöchentliches Koordinierungsgespräch im gesamten Kurs. Die Schüler berichten über den Stand ihrer Arbeit, helfen sich gegenseitig und planen
rechtzeitig die für sie ungewohnte Präsentation der Produkte. Sie müssen zunächst Vorstellungen entwickeln, wie sie das Gelernte und Erarbeitete darstellen können[xviii]. Im weiteren Verlauf der Projektarbeit entwickelt sich Vorfreude auf die Präsentation. Überraschungen werden geplant, manches
praktische Problem wird in allerletzter Minute gelöst.
Für die Beurteilung der Gruppenprodukte und der individuellen Leistungen habe ich Kriterien entwickelt. Entsprechend dem schülerorientierten Prozess
der Planung und Themenfindung werden die Schüler als verantwortliche Partner in den Prozess der Leistungsbewertung einbezogen[xix].
Was lernen die Schüler beim fächerübergreifendes Arbeiten im Fach Musik?
Alle Schüler der Grundkurse mögen Musik, die meisten spielen ein Instrument, aber die Vorkenntnisse und individuellen Interessen sind äußerst
unterschiedlich. Jan und Simon spielen in verschiedenen Rock- und Jazzbands, sie sind »Experten« in Harmonielehre und komponieren selber.
Thomas ist ein ausgezeichneter Organist und Kenner alter Musik. Christina beherrscht die gelernten Analyseverfahren und ist eine gute Pianistin.
Diana ist Schlagersängerin, Daniel ist leidenschaftlicher Jazztrompeter, Henrike spielt Geige im Schulorchester, Patrick sammelt Klassik-CDs und
Andreas begeistert sich für alles, was mit Kultur und Geschichte zu tun hat. Michaela schwärmt für Musicals, Stefanie für Filmmusik, beide
interessieren sich für Fragen des Musiklebens. Herle, Norbert und Dennis mögen den Kunstunterricht nicht und haben deshalb Musik gewählt.
Alle Schüler lernen im Renaissance-Projekt vieles dazu, jedoch mit individuell verschiedenen Schwerpunkten. Die Schüler machen ihre Erfahrungen
mit der Musik anders als im normalen Musikunterricht. Einige besonders leistungsstarke Schüler wählen eine kreative Gruppenarbeit als Ausgleich zur
theoretischen Facharbeit. Sie hören sich stundenlang CDs an, um sich in die Musik einzuleben, sie lesen Lehrbücher über Kontrapunkt. Sie entwerfen
ein Musikstück, in dem sie entsprechende Kompositionstechniken anwenden und gleichzeitig bekannte Themen verstecken. Sie geben einige
theoretische Erläuterungen und spielen das Stück in ihrer Besetzung Geige, Trompete, Klavier und Trommel vor. Um die Aufmerksamkeit der anderen
Schüler zu erzielen, sollen diese die versteckten Themen erraten. Diese leistungsstarken Schüler haben ihre Facharbeit genutzt, um endlich einmal
ausführlich analysieren zu können. In der Projektarbeit vermitteln sie ihren Mitschülern die komplizierten Sachverhalte auf angenehme Weise. Ein erfreuliches Beispiel eines schülerorientierten Musikunterrichts!
Andere Schüler hören sich die Musik an, erschließen den Sinn durch Texte oder suchen zu ihrem Thema passende Lieder aus. Eigentlich geht es
immer um den Kontext der Musik, um die Lebenszusammenhänge, in denen die Musik erklingt. Eine analytische Untersuchung der Musik selbst, wie
es im normalen Musikunterricht oft praktiziert wird, geschieht in dieser schülerorientierten Unterrichtsform so gut wie nie. Trotzdem hat das Renaissance-Projekt im Hinblick auf den weiteren Musik-Fachunterricht einen Sinn. Die Schüler haben Interesse an der Musik gefunden und viel über
die Entstehung und Vermittlung der Musik erfahren. Möglicherweise haben sie durch intensives, freiwilliges Hören mehr über die Musik gelernt als durch eine vom Lehrer angeleitete Analyse.
Im Projektunterricht sind die Beziehungen der Schüler untereinander und zu mir viel intensiver geworden. Die individuelle Beratung einzelner Schüler
und Gruppen ist aufwendiger und anstrengender als normaler Fachunterricht. Das Lernklima wird allerdings verbessert und die Schüler entwickeln ein
deutlich höheres Interesse am Fach Musik. Die Schüler sind durch die Anleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten offenbar stark motiviert worden. Zur
Präsentation erstellen fast alle Projektgruppen für die übrigen Schüler ein Themenheft mit fachspezifischen Texten und passenden Abbildungen. Sie
bemühen sich um eine schülergerechte Vermittlung ihrer Themen. Da gibt es Spielszenen, Tänze, Filme, Hörspiele, Bilder, Modelle, selbstgekochte
Speisen und natürlich viele Musikbeispiele. Dadurch wird die Präsentation anschaulich und interessant. Die Gruppenprodukte fügen sich zu einem
Gesamtbild der Epoche Renaissance zusammen, wobei die Musik eine zentrale Bedeutung hat.
Darüber hinaus haben die Schüler in dieser Form des Musikunterrichts fächerübergreifende Qualifikationen erworben, die bis weit über das Abitur
hinaus wichtig sind. In einer abschließenden Reflexion hat ein Schüler das so formuliert:
Unter dem Aspekt des Lernprozesses bewerte ich dieses Projekt für mich als äußerst erfolgreich. Natürlich habe ich viel über das Thema, das ich
bearbeitet habe, gelernt. Für viel wichtiger erachte ich allerdings die Erfahrung, die ich mit dem selbständigen Arbeiten gemacht habe. Auch wenn wir
letztlich zu dem meiner Meinung nach guten Ergebnis gekommen sind, so habe ich jetzt erfahren, daß eine genaue Planung von Anfang an
unerläßlich ist. Man sollte nach einer kurzen allgemeinen Einlesephase sich die Zeit nehmen, genau über die Formulierung des Themas
nachzudenken und einen Zeitplan aufzustellen. Anschließend kann man dann nämlich sehr konkret und effizient arbeiten. Eine wichtige Erfahrung war
natürlich auch das wissenschaftliche Arbeiten mit Büchern. Man muß selbständig Texte auswählen und für das Thema sinnvoll exzerpieren. Und es
war eine Herausforderung, ein so komplexes Thema zuerst selbständig zu erschließen und dann für andere verständlich darzustellen. Die
Projektarbeit kann den Fachunterricht zwar nicht ersetzen, ist allerdings eine sinnvolle Ergänzung. Ein großer Vorteil liegt darin, daß die Schüler ein
Thema wählen können, das sie wirklich interessiert. … Zudem gibt sie dem Schüler die Möglichkeit, frei und kreativ zu arbeiten.[xx]
Das fächerübergreifende Unterrichtsmodell Renaissance-Projekt hat sich nach mehrfacher Erprobung im Grundkurs Musik bewährt. Es erreicht alle
Schüler und führt zu einer deutlichen Motivationssteigerung. Darüber hinaus berücksichtigt es vielfache Anforderungen an einen zeitgemäßen Musikunterricht in der Schule des Lebens und Lernens. Es ist anspruchsvoll, enthält fächerübergreifende Aspekte, fördert Erkenntnisinteresse und
selbständiges Lernen, trainiert die Fähigkeit zu Kommunikation und Kooperation, bietet Freiräume für musikalische Gestaltung und Kreativität, schult
vernetztes Denken und liefert einen Beitrag zur Allgemeinbildung. Das Fach Musik kann seinen Stellenwert innerhalb des Fächerkanons der gymnasialen Oberstufe stärken - dies ist angesichts mancher Veränderungen[xxi] heute wichtiger denn je.
Anmerkungen
[i] »Schüler«, »Lehrer«, »Kollege«“ meint einen Gattungsbegriff und wird deshalb in dieser nicht geschlechtsspezifischen Weise
benutzt
[ii] Vgl. »Renaissance: Das Chorlied« in: Musik-Colleg 1. Musikepochen. München 1984, S. 17-29
[iii] vgl. Dethlefs, Beate: Muß Musikgeschichte immer langweilig sein? Schülerorientierte Zugangsweisen zum Thema „Barock“. In: PÄD Forum 5/1997, S. 409-413
[iv] ebd., S. 410
[v] Gudjons, Herbert: Handlungsorientiert lehren und lernen. Projektunterricht und Schüleraktivität. 3. neubearb. u. erw. Aufl., Bad Heilbrunn 1992, S. 72
[vi] vgl. Dethlefs, Beate: Lieder gegen Gewalt - Lieder für den Frieden. Projekterfahrungen im Musikunterricht. In: Musik und Unterricht 36/1996, S. 17-23
[vii] Dethlefs, Beate: Fächerübergreifender Unterricht. In: Musik und Unterricht 33/1995, S. 5
[viii] Huber, Ludwig: Vereint, aber nicht eins: Fächerübergreifender Unterricht und Projektunterricht. In: Hänsel, Dagmar (Hrsg.):
Handbuch Projektunterricht. Weinheim 1997, S. 35
[ix] Ein »Idealmodell« des fächerübergreifenden, projektorientierten Unterrichts mit Musik findet sich in: Dethlefs, Beate: Das
Unbekannte im Bekannten. Begegnungen mit den Menschen Brasiliens und ihrer Musik. Ein fächerübergreifend projektorientiertes
Unterrichtsmodell. In: Bäßler, Hans (Hrsg.):Toleranz - Dimensionen für den Musikunterricht. Kongreßbericht 22. Bundesschulmusikwoche Potsdam 1998. Mainz 1999, S. 92-100
[x] Kupsch, Joachim; Schumacher, Michael: Didaktische Annäherungen an den Perspektivenwechsel. In: U. Krause-Isermann, u.a.
(Hrsg.): Perspektivenwechsel. Beiträge zum fächerübergreifenden Unterricht für junge Erwachsene. Bielefeld 1994, S.45
[xi] Hilfen für die Unterrichtsplanung bekam ich durch die Beiträge von J. Bastian: Projektunterricht planen und H. Gudjons: Eine
Projektskizze anfertigen. In: J. Bastian; H. Gudjons (Hrsg.): Das Projektbuch II. Hamburg 1993, S. 240-256
[xii] vgl. Dethlefs, Beate: Projektunterricht in der Gymnasialen Oberstufe. Erfahrungen mit Leistungsbewertung und
Ergebnissicherung. In: Pädagogik 7-8/1998, S. 18f.
[xiii] Lernbox. Tipps und Anregungen für Schülerinnen und Schüler zum Selberlernen. Beilage zum Friedrich Jahresheft XV. Seelze 1997
[xiv] Gudjons, Herbert: Leitfaden zur Erstellung von Referaten, Klausuren, Examens- und Doktorarbeiten. In: Pädagogik 9/1990, S.
30-34. Poenicke, Klaus: Die schriftliche Arbeit. Materialsammlung und Manuskriptgestaltung für Fach-, Seminar- und
Abschlußarbeiten an Schule und Universität. Mannheim 1985. Schräder-Naef, Regula D.: Der Lern-Trainer für die Oberstufe. 2.,
überarb. Aufl., Weinheim 1992. Schraeder-Naef, Regula D. / Endres, Wolfgang u.a.: Arbeits- und Lerntechniken. In: Pädagogik 9/1990, S. 13-16
[xv] vgl. Schräder-Naef, Regula D.: Der Lern-Trainer für die Oberstufe. 2., überarb. Aufl., Weinheim 1992, S. 89/90
[xvi] Nr. 3 der Serie »Weltsprache Musik«, Begleitbuch: Mann, William: Geschichte der Musik. Herrsching 1982
[xvii] vgl. Bastian, Johannes: Projektunterricht planen. In: J. Bastian; H. Gudjons: Das Projektbuch II. Hamburg 1993, S. 248
[xviii] Hilfreich erwies sich folgende Broschüre: Will, Hermann: Mini-Handbuch Vortrag und Präsentation. Für Ihren nächsten Auftritt
vor Publikum. 2. Aufl., Weinheim 1997
[xix] vgl. Dethlefs, Beate: Projektunterricht in der Gymnasialen Oberstufe. Erfahrungen mit Leistungsbewertung und
Ergebnissicherung. In: Pädagogik 7-8/1998, S. 17-21
[xx] Arbeitsprozeßbericht des Schülers Andreas Wilms
[xxi] In NRW kann Musik seit dem Schuljahr 1999/2000 nicht mehr als Abiturfach für den sprachlich-literarisch-künstlerischen Bereich gewählt werden
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