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Einführung in den Themenschwerpunkt

 

Themenschwerpunkt: MUSIK nur IN DER SCHULE?

 

 

Beate Christiane Dethlefs, Dinslaken

Einführung in den Themenschwerpunkt

(erschienen in: PÄD Forum 2000, Heft 4, S. 275-276)

 

„Musik (nur) in der Schule?“ – diese Frage hat mehrere Aspekte. Es ist die Frage nach der Rolle der Musik in der heutigen Schule, nach einem zeitgemäßen Musikunterricht, aber auch die Frage, ob sich Musik auf den schulischen Rahmen beschränken, sozusagen als Schulfach (wie Mathematik, Englisch oder Biologie) existieren kann. Schließlich ergibt sich die Grundfrage „Musik in der Schule?“.

Während „Musik in der Schule“ in der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts selbstverständlich zu sein schien, wird dies heute mehr und mehr in Frage gestellt. Das Lehrwerk „Musik in der Schule“ wurde bis in die 60er Jahre hinein für einen Musikunterricht verwendet, der sich an der Kestenberg-Reform der 20er Jahre orientierte. „Musik in der Schule“ ist noch heute Titel einer musikpädagogischen Zeitschrift. Der Musikpädagoge Hermann J. Kaiser hat kürzlich erläutert, dass Musik in der Schule nicht ohne weiteres mit Musikunterricht und Musik als Schulfach gleichzusetzen ist.[1] Das Fach Musik ist in seiner Selbstverständlichkeit gefährdet. Die organisatorisch-institutionellen Bedingungen werden immer weiter eingeschränkt, nicht zuletzt deshalb, weil die Verantwortlichen aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen mit Musikunterricht keine Veranlassung sehen, diesen in Zukunft fortzusetzen. Zum anderen werden immer neue gesellschaftliche Ansprüche an die Schule gestellt, die zu der Frage führen: Wozu überhaupt noch Musikunterricht in der Schule?

In unserem Themenschwerpunkt wollen wir Beispiele für einen sinnvollen Musikunterricht in der Schule des Lebens und Lernens geben – trotz oder gerade wegen der vorhandenen Ungewissheiten: Wie ist die Situation des Faches Musik in der heutigen Schule angesichts von Kürzungen im Bildungswesen, von immer neuen Erwartungen der Gesellschaft an die Schule? Hat Musik in der Schule in der Informationsgesellschaft, neben Initiativen wie „Schulen ans Netz“ überhaupt noch eine Überlebenschance? Tatsächlich fällt der Musikunterricht an vielen Schulen ganz aus oder wird fachfremd erteilt. In den Stundentafeln gibt es immer weniger verbindlich vorgeschriebenen Musikunterricht. Durch die Veränderungen der gymnasialen Oberstufe droht das Fach Musik dort ganz zu verschwinden. So kann Musik z.B. in NRW neuerdings nicht mehr als Abiturfach für den sprachlich-literarisch-künstlerischen Bereich gewählt werden. Seit Jahren hat es ohnehin nur wenige Leistungskurse gegeben, an manchen Schulen kommen noch nicht einmal mehr Grundkurse zustande.

Doch der Verlust des scheinbar Selbstverständlichen birgt gleichzeitig auch Chancen, den Musikunterricht zu verändern. Gerade weil die Medien in der Lebenswelt der Schüler immer mehr Macht bekommen, muss der Musikunterricht lebensnäher werden. Dazu ist es unerlässlich, den Schüler als Individuum mit seinen Erfahrungen, Interessen und Bedürfnissen ernst zu nehmen und den Unterricht daran zu orientieren. Durch die Erfahrung von Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeit können Kinder und Jugendliche zum kompetenten Umgang mit Musik in ihrer Lebenswelt erzogen werden.

Wir haben engagierte Musikpädagogen gebeten, Beiträge zu einem zeitgemäßen, lebendigen Musikunterricht zu schreiben, der Schüler motiviert, sich mit Musik zu beschäftigen. Erfahrungsgemäß entsteht Interesse oder gar Freude erst aufgrund der intensiven Beschäftigung mit einer Sache oder einem Musikstück, vorausgesetzt, jeder Schüler findet einen individuellen Zugang dazu. Es geht also nicht darum, die Musik der Schüler in die Schule hereinzuholen, sondern ihnen neue Erfahrungen mit bekannter und fremder Musik zu ermöglichen. Nur dann wird Musikunterricht in der Schule des Lebens und Lernens seine Daseinsberechtigung behalten.

Es kommt heute im Musikunterricht (wie auch in jedem anderen Unterricht) angesichts der sich verändernden Schülerschaft und deren veränderten Lernverhaltens darauf an, eine Vielfalt an Methoden und Arbeitsformen zu entwickeln. Statt Musiklernen nach der „Tafel- und Kreide-Methode“ im lehrerzentrierten Frontalunterricht sollen Erfahrungen mit Musik vermittelt werden. Hierbei spielen die Prinzipien der Schüler- und Handlungsorientierung eine große Rolle, aber auch die Individualisierung des Lernens, Differenzierung und Integration, soziales Lernen sowie die Veränderung der Lehrerrolle.

In pädagogisch akzentuierten Veröffentlichungen über neue Unterrichtsformen fehlen häufig Beiträge zum Fach Musik. Dies liegt vielleicht daran, dass Musiklehrer aufgrund ihrer Ausbildung und Sozialisation eher zur Isolation als zur Kooperation neigen. Möglicherweise ist es aber auch Resignation, die jeglichen Reformversuch hemmt. Die Autoren unseres Themenschwerpunktes haben ihren Musikunterricht beschrieben, wie er mit Engagement und Mut unter ihren besonderen Bedingungen an Raum, Zeit und Mitteln realisiert wurde. Dabei sind manche Hindernisse überwunden worden. So hat Meinard Ansohn angesichts seiner aktuellen Berliner Perspektive einen „Hürdenlauf“ beschrieben. Er schildert „Kleine Schritte zu einer neuen Praxis“ und macht damit Mut – diese Schritte kann jeder Musiklehrer in jeder Schulsituation versuchen. Es geht nicht darum, über die Situation des Musikunterrichts zu jammern, sondern immer wieder neue Möglichkeiten für „Musik in der Schule“ zu finden. Wenn es dann noch gelingt, die Musik in der Schule mit dem Leben der Schüler und mit der Musik in ihrem Leben außerhalb der Schule in Verbindung zu bringen, dann ist schon ein wesentlicher Erfolg zu verzeichnen.

In seinem Beitrag schildert Meinard Ansohn Schwierigkeiten mit der „alten Utopie“, die Schüler ihren Musikunterricht selbst planen zu lassen. Doch man braucht gar nicht so weit zu gehen, um Schülerorientierung im Musikunterricht zu verwirklichen. Esther Thies beschreibt, wie Grundschüler in der Freiarbeit selbständig musikalische Grundkenntnisse erwerben, wie dadurch das Fach Musik gleichrangig neben die anderen „lernbaren“ Fächer rückt. In ihrem Beitrag zum Stationenlernenzeigt Cornelia Büning, wie ein vorgegebener „gymnasialer“ Lerninhalt von Unterstufenschülern selbständig und mit großem Interesse erarbeitet wird. Franz Sussmann zeigt Wege auf, um den „schwierigen“ Schülern der unteren Mittelstufe mit Hilfe der Gestaltpädagogik einen Zugang zu klassischer Musik zu vermitteln.

Musik aus der Lebenswelt der Schüler ist in den Richtlinien für die gymnasiale Oberstufe kaum vorgesehen, ebenso Musik aus außereuropäischen Kulturkreisen. Wie man dennoch „Afrokubanische Musik“ im Unterricht behandeln kann, stellt Susanne Hidalgo dar. Sie wählt die – in der Oberstufe wenig übliche – Methode des Klassenmusizierens und beschreibt die Probleme der Materialbeschaffung für einen solchen Bereich. Ihre Beispiele zeigen, dass solche ausgefallenen Vorhaben durchaus realisierbar sind und für die Schüler eine Bedeutung haben, die über die Schule hinaus geht. In der gymnasialen Oberstufe werden nicht nur von Schülern erwünschte, sondern auch vom Lehrplan vorgegebene Lehrstoffe behandelt. Beate Dethlefs berichtet, wie sich ein solcher Unterricht an den Schülern mit ihren Interessen, Erfahrungen und Bedürfnissen orientieren kann. Den Typ des Grundkursschülers, der ein Instrument spielt, im Chor singt, mit seinen Eltern in die Oper geht und deshalb Musik wählt, gibt es schon lange nicht mehr. Es herrscht eine große Heterogenität bzgl. Interesse und Vorwissen. Trotzdem ist es möglich, den meisten Schülern Zugänge zur „Musik in der Schule“ zu vermitteln.

Ernst Klaus Schneider beschreibt ein umfangreiches Projekt, in dem es ebenfalls um die Vermittlung von „Musik in der Schule“ geht. Er stellt notwendige Veränderungen des Musikunterrichts dar und schafft Bezüge zum Musikleben der Region, hier zu einem Sinfonieorchester. Sein Projekt umfasst mehrere Teilprojekte, die fachbezogen, fächerübergreifend und unter Einbeziehung neuer Medien stattgefunden haben. Den Abschluss bildet hier eine „Veranstaltung von Schülern und Musikern für Schüler und Musiker – an einem Ort, an dem die Musik in besonderer Weise leben und erlebt werden kann“.

Also:            „Musik nicht nur in der Schule!“

 

Anmerkung

[1] Hermann J. Kaiser: Musik in der Schule? Musik in der Schule! In: AfS Magazin 10/1999, S. 5