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Esther Thies, Berlin
Chancen zum Lernen in und über Musik:
Freiarbeit und Musik - Musik und Freiarbeit
(erschienen in: PÄD Forum 2000, Heft 4, S. 283-285)
Musik und freie Arbeit - diese Wortkombination klingt nicht sehr vertraut. Dabei lohnt es sich, über diese Verbindung weiter nachzudenken und sie für die Schülerinnen 1) und den Unterricht zu nutzen.
Freiarbeit nach Maria Montessori
Freiarbeit ist ein besonderes Unterrichtsprinzip, das auf der Pädagogik MariaMontessoris fußt.
In der Freiarbeit haben die Kinder die Möglichkeit, selbstbestimmt und in der eigenen Zeit zu lernen.
Die in der Montessori-Pädagogik ausgebildete Lehrerin wählt die für die Altersstufe und Persönlichkeit der Kinder gemäßen Freiarbeitsmaterialien. Aus dieser vorbereiteten Umgebung suchen sich die Kinder eigenständig
die Arbeitsmittel heraus, mit denen sie sich beschäftigen wollen. Die Lehrerin ist Beobachterin und ggf. Anleiterin im speziellen Umgang mit den Materialien.
Nach Montessoris Auffassung ist das Kind auf diese Weise Baumeister seiner selbst. Niemand als es selber weiß, welche sensible Phase es gerade durchläuft und welche Materialien es daher für sein eigenes Wachstum benötigt. Da Wachsen und Lernen organische Vorgänge sind, benötigt jeder Mensch die ihm eigene angemessene Zeit zum Lernen. Die Freie Arbeit lässt jedem Kind diese Zeit, denn es kann sich beliebig oft und lange mit dem Lernstoff beschäftigen, das es für seinen augenblicklichen Entwicklungsstand benötigt.
Jedes von Montessori entwickelte Freiarbeitsmaterial ermöglicht den Kindern eine eigenständige, von der Lehrerin unabhängige Arbeit und eine selbständige Fehlerkontrolle nach dem Prinzip "Hilf mir, es selbst zu tun". Das Arbeitsmittel stellt jeweils nur eine Besonderheit oder Eigenheit in den Mittelpunkt, mit der sich die Kinder handelnd beschäftigen.
Von Maria Montessori entwickelte Freiarbeitsmaterialien umfassen Übungen des praktischen Lebens, Sinnesmaterialien (hierzu gehören ihre Musikmaterialien), Sprachmaterial, mathematisches Material und weiteres Fachmaterial. In den Montessori-Schulen haben die Kinder zumeist an zwei Unterrichtsstunden täglich Gelegenheit, sich mit den originalen Montessori-Materialien, aber auch mit den vielfältigen neu entwickelten Freiarbeitslernmitteln vieler Verlage zu beschäftigen.
Freie Arbeit gehört heute nicht mehr nur an den Montessori-Schulen, sondern glücklicherweise an vielen Grund- und einigen Sekundarschulen zum festen Bestandteil des Schulalltags. Sie wird an diesen Schulen zumeist
weniger nach den genauen Regeln der Montessori-Pädagogik und selten mit den Montessori-Materialien organisiert. Aber es gilt auch hier: Schülerinnen beschäftigen sich in ihrem eigenen Arbeitstempo mit
selbstgewählten Arbeitsmitteln.
Freiarbeit und Musik
"Selbstbestimmtes Lernen" - "Arbeiten im eigenen Tempo" - "Hilf mir, es selbst zu tun" - diese für das Lernen verlockenden Begriffe bieten sich auch für einen Umgang mit Musik an. Leider
wird die freie Arbeit nur allzu selten für das Lernen in und über Musik genutzt: Nur wenige Klassen arbeiten in der Freiarbeit auch mit Musikmaterialien!
Dabei bieten die bereits vorhandenen Freiarbeitsmittel aus dem Musikbereich vielfältige und lohnende Möglichkeiten zur Erarbeitung, Übung und Vertiefung von Wissen über Musik wie auch zum Arbeiten in Musik. Ein Teil
der Musikmaterialien ist ohne spezielle Vorkenntnisse einsetzbar: Nachdem sich die Lehrerin damit vertraut gemacht hat, kann es direkt von den Schülerinnen genutzt werden.2)
Ein anderer Teil der Arbeitsmittel aus dem Musikbereich, darunter das originale Montessori-Material 3), verlangt von der Lehrerin mehr Vorarbeit und eine intensive eigene
Beschäftigung. Ihr Einsatz ermöglicht jedoch ein eigenständiges Arbeiten der Schülerinnen in der Musik selbst. Außerdem gibt es noch ein weites Feld zur Erstellung eigener Musiklernmittel, mit deren Hilfe auch
Themen aus dem Musik-Klassenunterricht erweitert, gefestigt und wiederholt werden können. 4)
Das Montessori-Musikmaterial - die Glocken
Maria Montessori sieht musikalisches Lernen ähnlich dem Erlernen des Sprechens: Wir lernen als Kinder nicht in einem Sprachunterricht sprechen, sondern durch eine sprechende Umgebung. - Eine musikalische Umgebung vermittelt dem Kind die Liebe zu Klingendem und die Möglichkeit, sich im Singen, Bewegen und Musizieren auszudrücken. - Die Schule unterstützt dieses Finden der eigenen musikalischen Sprache durch den gemeinsamen Musikunterricht, aber auch durch die Musikarbeitsmittel in der Freiarbeit, die zum Hören und Singen anregen.
Die Montessori-Glocken, die im folgenden genauer vorgestellt werden, gehören wie alle
Montessori-Musikmaterialien zu den Sinnesmaterialien: das musikalische Gehör der Schülerinnen soll entfaltet werden. Hier wird nicht über Musik gearbeitet, sondern in Musik gelernt.
Die Montessori-Glocken sind ein für Kindergarten, Vorschule und Grundschule geeignetes Freiarbeitsmittel. Sie bestehen aus 26 Glocken, 8 auf weißen, 5 auf schwarzen, 13 auf holzfarbenen Ständern montiert.
Äußerlich in Abmessung, Form etc. gleich, sind sie nur in der einen Eigenschaft untereinander verschieden, deren Sinn angeregt werden soll: in der Tonhöhe. Jeder Ton der
chromatischen Tonreihe c' bis c'' ist 2x vorhanden, einmal mit holzfarbenem Fuß, einmal mit schwarzem bzw. weißem (die Farbgebung ist der Klaviertastatur nachempfunden).
Die unterschiedlichen Tonhöhen der Glocken können also von Schülerinnen und auch von der Lehrerin nur hörend
erkannt werden, da alle Glocken gleich aussehen. Diese Besonderheit bietet außerordentlich vielseitige Möglichkeiten zum Umgang mit dem Material.
Die Kinder können auf den klaren Glockenton hören und ihn nachsingen, gleiche Töne paaren, verschiedene Töne
nach hoch und tief und der Dur-Tonleiter ordnen. Später können sie Notennamen, Notenzeichen, Tonleiteraufbau,
verschiedene Tonarten, Lieder etc. damit erarbeiten. Klang und "Theorie" gehen dabei immer parallel zusammen.5)
Die Glocken stellen den Klang selber in den Mittelpunkt, die Kinder erarbeiten sich musikalische Einsichten, keine
Informationen über Musik. Alle Aufgaben erfordern zuallererst die selbsttätige Klangerfahrung, die später mit Worten
und Notenzeichen verbunden werden. So werden die Notennamen erst eingeführt, wenn schon eine längere
handelnde Erfahrung mit verschiedenen Tonhöhen vorliegt, sich "abstraktes" Wissen also sofort auf konkrete
Erfahrung beziehen kann und damit eine Chance hat, im Gedächtnis dauerhaft verankert und zu eigener Erfahrung zu werden.
Musik und Freiarbeit
Neben der Nutzung der Musikfreiarbeitsmaterialien in der allgemeinen freien Arbeit können sie natürlich auch mit Gewinn im Musikfachunterricht eingesetzt werden.
Sind die Montessori-Glocken im Musikraum vorhanden, können mit ihnen bestimmte musikalische Phänomene sowohl der ganzen Klasse deutlich gemacht (hoch - tief hörend erkennen usw.), wie auch reine
Musik-Freiarbeitsstunden unter Einbeziehung anderer Arbeitsmittel (s.u.) durchgeführt werden. Hier kann sich, wie in
der allgemeinen Freiarbeit, jede Schülerin aus vorbereiteten Lernmitteln das auswählen, womit sie sich allein, mit einer
Partnerin oder einer Gruppe, beschäftigen möchte. Anders als in der allgemeinen Freiarbeit können hier auch spezielle
Arbeitsaufgaben wie das Üben einer Instrumentalstimme, verschiedene Improvisationsaufgaben nach graphischen Vorlagen, Arbeit mit einer Rhythmuskartei bereitgestellt werden, da eine Fachlehrerin zur evtl. notwenigen
Unterstützung anwesend ist und Instrumente bereitstehen können. (Die produktive Lautstärke, die bei dieser
musikalischen Freiarbeit entsteht, wird für die beteiligten Schülerinnen nur selten zum Problem, eine vorbereitende Übung im "Leisespielen" kann außerdem sehr nützlich sein.)
Musik-Freiarbeitsstunden werden von den Kindern durch die vielfältigen Wahlmöglichkeiten beim Material oft wie
eine Belohnung empfunden. Erholsam kann eine Musik-Freiarbeitsstunde auch für die Lehrerin sein, vor allem an
einem Vormittag mit mehreren Musikstunden, die ja zumeist lehrerzentriert, frontal unterrichtet werden und damit sehr
kräftezehrend sind; denn Freiarbeit ist individuelle Arbeit, ermöglicht die Zuwendung zu einzelnen Schülerinnen und entlastet, da die Hauptaufgabe der Lehrerin jetzt die Beobachtung ist.
Bei allen Vorteilen der Musik-Freiarbeit: Sie soll den herkömmlichen Musikunterricht nicht ersetzen! Gemeinsames
Singen, Instrumentalspiel und Tanz, Hören von und Nachdenken über Musik sind und bleiben unbedingter Bestandteil
des Unterrichts. Aber Freiarbeit kann diesen Musikunterricht durch individuelle Lern- und Arbeitsmöglichkeiten immer wieder ergänzen, vertiefen und erweitern.
Anmerkungen
1) "Schülerin" und "Lehrerin" meinen im gesamten Text auch immer "Schüler" und "Lehrer".
2) Die folgende Liste zeigt eine Auswahl käuflicher Freiarbeitsmaterialien, die zumeist auch von
Nicht-Musikfachlehrern eingesetzt werden können. Je nach Auswahl der Arbeitsanleitung eignen sich die meisten für verschiedene Altersgruppen (Liste 1).
3) Für die folgende Auswahl von Freiarbeitsmaterialien sind musikalische Vorkenntnisse, bei den
Montessori-Materialien eine intensive Auseinandersetzung mit der Montessori-Pädagogik notwendig (Liste 2).
4)Die Erfindung und Herstellung eigenen Freiarbeitsmaterials ermöglicht zum einen das Eingehen auf die eigenen
Unterrichtsthemen, die gefestigt und erweitert werden können. Zum anderen fördert es die Freisetzung eigener kreativer Ideen, deren Entdeckung und Ausführung Spaß machen kann - den Lehrpersonen und den Kindern.
Steht z.B. Mozart auf dem Unterrichtsplan einer Klasse, verbunden mit Informationen zum Wunderkind, Stationen
seiner Reisen u.ä., kann dieser Informationsteil ganz oder teilweise in die Freiarbeit gegeben werden. In vielen
Unterrichtswerken sind inzwischen Arbeitsblätter zu diesen Themen erschienen, die kopiert werden können und in
einem Ordner zur Bearbeitung angeboten werden (Kontrollblätter nicht vergessen). Schülerinnen, die von der Musik
Mozarts begeistert sind, haben vielleicht Interesse, sich mehr mit seinem Leben zu beschäftigen und können sich mit Hilfe der Arbeitsblätter ein kleines Mozart-Buch selbst herstellen.
Informationen zu Musikinstrumenten aus Schulbüchern, Sachbüchern und Lexika können nach Instrumenten geordnet
in einem Ordner griffbereit stehen. Interessiert sich ein Kind für ein bestimmtes Instrument, kann es dort nachlesen,
das Instrument aufzeichnen, Wissenswertes dazu aufschreiben und am Ende der Stunde den Mitschülerinnen darüber berichten.
Weitere Ideen s.o. bei "Musik und Freiarbeit".
5) Eine ausführliche Anleitung mit vielen Ideen zum Einsatz der Montessori-Glocken in der Freiarbeit bietet: Hans Wilms: Das Montessori-Musikmaterial. Reutlingen 1997
Literatur
Liste 1:
- Animal soundtracks/Tier tönt. Mülheim/R.: Verlag an der Ruhr
Tier-Geräusche-Lotto mit Bildkarten, Spielchips und einer Cassette mit Tiergeräuschen, Kontrolle mit Lösungsblatt, ein Cassettenrecorder ist notwendig.
- Carola Preuß/Klaus Ruge: Alltagsgeräusche als Orientierungshilfe. Mülheim/R.: Verlag an der Ruhr
28 Alltagsgeräusche sollen den entsprechenden Bildkarten zugeordnet werden. Zahlen auf der Kartenrückseite dienen der Lernkontrolle. Ein Walkman oder CD-Player/Cassettenrecorder ist erforderlich.
- Carola Preuß/Klaus Ruge: Geräusche auf dem Bauernhof. Mülheim/R.: Verlag an der Ruhr
30 Bildkarten und passende Geräusche mit vielfältigen Einsatzmöglichkeiten, Kontrolle durch Zahlen auf der Rückseite. Ein Abspielgerät mit oder ohne Kopfhörer wird benötigt.
- Carola Preuß/Klaus Ruge: Waldgeräusche-Spiel. Mülheim/R.: Verlag an der Ruhr
Verschiedene Arbeitsformen für 28 Bildkarten (Lernkontrolle durch Zahlen auf der Rückseite) mit dazugehörenden Geräuschen, CD-Player o.ä. erforderlich.
- Carola Preuß/Klaus Ruge: Wettergeräusche. Mülheim/R.: Verlag an der Ruhr
Eine Geräusch-CD und 22 Bildkarten ermöglichen unterschiedliche Arbeitsformen, die Lernkontrolle geschieht durch Zahlen auf der Rückseite der Bilder. Cassettenrecorder, CD-Player oder Walkman sind notwendig.
- Carola Preuß/Klaus Ruge: Wassergeräusche-Spiel. Mülheim/R.: Verlag an der Ruhr
24 Bildkarten und dazugehörende Geräusche stellen ein vielfältiges Arbeitsmaterial bereit, dessen Lernkontrolle durch Zahlen auf der Bildrückseite erfolgt. Ein Abspielgerät ist notwendig.
- Hildegard Süss: Glockenläuten und Pferdegetrappel. Heinsberg: Agentur Dieck
Wie in einem Memory sollen aus den Kärtchen zusammenpassende Nomen und Verben gefunden und deren Klang nachgeahmt werden, z. B. Glocken/läuten, Auto/hupen.
- Hildegard Süss: Welches Instrument ist das? Heinsberg: Agentur Dieck
Instrumentenbildkärtchen werden den entsprechenden Namenkärtchen in einem Memoryspiel zugeordnet. Ein Lösungsblatt liegt bei.
- Hildegard Süss: Was für ein Geräusch ist das? Heinsberg: Agentur Dieck
Zwei gleiche Bildkärtchen in einem Memory stellen ein Geräusch dar, das von den Kindern nachgeahmt werden soll.
- Hildegard Süss: Musikinstrumente. Heinsberg: Agentur Dieck
36 Bildkarten und 36 Wortkarten zu neun Instrumentengruppen können wie ein Quartettspiel genutzt werden. Viele andere Arbeitsformen sind auch noch möglich. Leider stimmen zwei Instrumentennamen nicht.
Liste 2:
- Gerd Haehnel: Endlich Noten lernen! Lichtenau: AOL Verlag
Ein Noten-Intensivkurs mit 128 Lernkärtchen ab dem 5. Schuljahr. Ein Keyboard (über Kopfhörer lautlos zu spielen) ist dafür notwendig.
- Klang- & Musikinstrumente-Kartei 1 und 2. Bremen: Pädagogik-Kooperative
Über 100 DIN-A-4 Karteikarten mit Bauanleitungen für einfache und komplizierte Klanginstrumente. Bereits mit einfachen Mitteln können interessante Instrumente eigenständig gebaut werden. Das Material stellt die
Lehrperson zur Verfügung oder bringt das interessierte Kind zur nächsten Stunde selbst mit.
- Volker Mall: Freiarbeit auch in Musik. In: AfS Magazin Heft 8, Oktober 1999, S. 20-25
Neben allgemeinen und methodischen Anregungen zur Musik-Freiarbeit gibt es viele Ideen zu Arbeitsaufgaben und kurze Vorstellung des Freiarbeitsmaterials "Symmetrische Formen - Spiegelung, Krebs,
Palindrom“ in der 6. Klasse.
- Montessori-Musikmaterial: Geräuschdosen, Glocken, Klangstäbe (Katalog).
Nienhuis Groep, Zelhem (Niederlande)
- Zeitschrift Musik in der Grundschule. Mainz: Schott
(Fast) Regelmäßige Beilagen, die sich gut zur Freiarbeit eignen.
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