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Franz Sussmann, Lingenfeld
Gestaltpädagogische Impulse im Musikunterricht
(erschienen in: PÄD Forum 2000, Heft 4, S. 289-291)
„Das Überleben der Menschheit hängt nicht davon ab, was wir wissen, sondern wie wir miteinander umgehen.“ (1)
„Inmitten der Kommunikation bleibt die Kunst allein zuständig für das Unvermittelte,... den unterbrochenen Kontakt, ... die Pause. Die Fremdheit.
Gegen das grenzenlos Sagbare setzt sie die poetische Legitimation.“ (2)
In den letzten zwei Jahrzehnten kam es zu einem fruchtbaren Dialog zwischen Fachdidaktik und Pädagogik. Der folgende Beitrag verdeutlicht anhand eines Unterrichtsmodells, dass ein gestaltpädagogisch
angelegter Musikunterricht nicht zwangsläufig in die Egoanimation abgleitet, sondern dass sach- und personenorientierte Annäherungen an den Lerninhalt sich sinnvoll ergänzen.
Gestaltpädagogik ist eine innere Haltung – der Methodenschatz ihr Ausdruck
Die Gestaltpädagogik versteht sich als eine Vertreterin der humanistischen Pädagogik. Diese wurde nachdrücklich durch die humanistische Psychologie beeinflusst, die heute als „dritte Kraft“ der Psychologie
gilt. Sie hebt sich von der Psychoanalyse (Freud) und dem Behaviorismus (Watson,Skinner) ab.
Die gemeinsame Basis der humanistischen Psychologie und der humanistischen Pädagogik sind ihre anthropologischen Grundannahmen:
- Dem Menschen wohnt die Tendenz inne, sich zu entwickeln, seine Handlungs- und Erlebnismöglichkeiten zu erweitern bzw. seine jeweils bestehenden Grenzen zu
ĂĽberschreiten.
- Der Mensch strebt nach Einzigartigkeit in seinen Wahrnehmungen und seinem Erleben, seinen Fantasien, Träumen und Gefühlen, Wert- und Sinnbezügen; gleichzeitig will er sich
zugehörig fühlen zu anderen, zu Gruppen, zu einer größeren Gemeinschaft.
- Der Mensch ist ein handelndes und aktives Wesen. Er ist einerseits von seiner Umwelt abhängig, wirkt aber andererseits gestaltend auf sie ein.
Den stärksten Einfluss auf die Gestaltpädagogik hat die von Fritz und Laura Perls und Paul Goodman entwickelte Gestalttherapie genommen. Diese ist eine erlebnisorientierte Therapie, die durch spezifische Methoden und Prinzipien versucht, unerledigte Angelegenheiten im Hier und Jetzt der Therapiesituation schließen zu lassen, damit Neues wieder in die Person integriert werden kann. Perls hat erkannt, dass wir alle nur in einem begrenzten Umfang unser persönliches Potential nutzen, d. h. jeder von uns ist mehr oder weniger neurotisch. So spricht er von „Wachstums- und Entwicklungsstörungen“, deren Ursache darin liegt, dass wir nicht mehr in Kontakt mit uns selbst oder unserer Umwelt sind. Die Prinzipien der Gestaltpädagogik beschreiben Grundformen menschlichen Erlebens, Denkens und Handelns. Sie dienen als Richtschnur für das pädagogische Handeln sowie für das Erfassen von Lehr- und Lernprozessen. Jedes Prinzip beleuchtet einzelne Aspekte einer optimalen Lernsituation. Inhaltliche Überschneidungen zeigen, dass die einzelnen Prinzipien aufeinander bezogen sind und erst in ihrer Verbundenheit eine sinnvolle Zusammenschau gestaltpädagogischen Lehrens und Lernens ermöglichen. (3)
- Das Prinzip des Kontakts:
Kontakt zu sich selbst und anderen, Kontakt zur Umwelt. Der unmittelbare Kontakt zu eigenen Gefühlen sowie die offene Kontaktaufnahme zu anderen Menschen werden durch Erziehung und Sozialisation, durch Ängste und Konventionen häufig gestört oder gar blockiert. Im Erleben von inneren und äußeren Grenzen ist der Mensch herausgefordert, die eigene Identität zu gewinnen. An den Grenzen konstituiert sich die Identität. Für den Unterricht bedeutet es, Bedingungen zu schaffen, die es den SchülerInnen ermöglichen an ihre Kontaktgrenze zu gehen und Lerninhalte in ihr Selbst zu integrieren.
- Das Prinzip des Hier und Jetzt: Forderung nach genauer Wahrnehmung und BerĂĽcksichtigung der im Hier und Jetzt der Lernsituation einwirkenden Faktoren.
- Das Prinzip der Bewusstheit (awareness):Awareness bedeutet die bewusste Wahrnehmung innerer und äußerer Realität. Die Bewusstheit dessen, was in der Person sowie in ihrem Umfeld geschieht, ermöglicht es, die Muster der Begegnung, die Regulation von Nähe und Distanz, Öffnung und Abgrenzung zu begreifen und sie gegebenenfalls zu verändern.
- Das Prinzip des persönlichen Wachstums: Wachstum wird verstanden als ganzheitlicher Prozess der Entfaltung aller menschlichen Potentiale.
- Das Prinzip des Lernens aus Erfahrung:
Eine Situation, die für die Lernenden (und Lehrenden) persönlich bedeutsam ist, spricht sie in ihrer ganzen Person an – in ihrem Fühlen, Denken, Wollen und Handeln. Die Echtheit einer Lernsituation fördert den „freien Fluss der Erfahrung“, die Entscheidungsfähigkeit unsere selbstbestimmte Aktivität. Lernen erschließt neue Information und einen persönlichen Sinn.
- Das Prinzip der Ganzheit – der Mensch als personale Einheit:
Der Mensch ist Leib-Subjekt in der sozialen und ökologischen Lebenswelt. Die körperlichen, seelischen und geistigen Dimensionen menschlicher Existenz sind untrennbar miteinander verbunden und beeinflussen einander ständig in einem wechselseitigen Prozess.
Die Transformation der genannten Prinzipien in den Unterrichtsalltag gestaltet sich nicht immer einfach. Bedeutsam für das Gelingen gestaltpädagogisch orientierter Lernprozesse ist u. a. ein positives Klassenklima,
die Vertrautheit der SchülerInnen mit leibhaften Erfahrungsmöglichkeiten sowie eine Lehrperson, die sich als Lernender und Prozessbegleiter versteht.
Unterrichtsskizze
Anhand der 1813 uraufgeführten Sinfonie Nr. 7; 2. Satz – Teil A, von Ludwig van Beethoven wird im folgenden eine gestaltpädagogisch akzentuierte Begegnung zwischen Mensch, Mitmensch und Musik vorgestellt.
Im Musikunterricht der unteren Mittelstufe ist es erfahrungsgemäß schwierig, den Schülern den Zugang zu klassischer Musik zu vermitteln. Schon das bloße Anhören des langsamen
Sinfoniesatzes von Ludwig van Beethoven ist angesichts der Hörgewohnheiten der Schüler keine Selbstverständlichkeit. Auch das Hören eines kürzeren Ausschnittes kann wegen des Orchesterklangs, des Tempos
und der kaum bewegten Melodie bei den Schülern durchaus Unruhe, Störaktionen und Nebenbeschäftigungen erzeugen. (BCD)
Die hier skizzierte Unterrichtsphase konzentriert sich auf die körperbezogene Erstbegegnung mit der Musik und beschränkt sich auf die dabei erworbenen Erfahrungen. Bei den Bewegungen zur Musik zusammen mit einem
Partner wird die Musik wahrgenommen, sozusagen „mitgehört“. Die Schüler achten gleichzeitig auf die eigene Befindlichkeit und auf die gehörte Musik. Um diese Selbst- und Fremdwahrnehmung anzubahnen, beginnt
der Unterricht mit einer Bewegungs- und Imaginationsübung ohne Musik. Dabei sollen Berührungsängste abgebaut werden, die Schüler sollen sich mit Hilfe von alltäglichen Vorstellungen an eine ungewohnte
Umgangsweise im Musikunterricht gewöhnen.
Initialphase
Als Einstimmung in das Lerngeschehen bietet sich ein warming up an. Ziel dieser Bewegungs- und Imaginationsübung ist neben dem Abbau von Berührungsängsten die Förderung des sinnlichen Vorstellungsvermögens und die Steigerung der Selbst- und Fremdwahrnehmung. (4) Die SchülerInnen bilden Paare, die nicht „face to face“, sondern hintereinander, ohne Handfassung frei im Klassenraum sich einen Standort wählen. Der Rücken des Vordermanns stellt die Projektions- und Spielfläche für den jeweiligen Akteur dar. Ein Rollentausch zwischen Sender und Empfänger sollte auf jeden Fall stattfinden. Unter der Anleitung des Lehrers werden morgendliche Rituale auf verschiedenen Rückenpartien des Empfängers mittels Finger- und Handimpulse umgesetzt: aus dem Bett hüpfen, ins Bad trippeln, Zähne kreisend putzen, „soft“ duschen, abtrocknen. SchülerInnen schlüpfen gerne in die Regisseurrolle und ergänzen die Handlung oder erfinden eigene Aktionsgeschichten.
Nach und nach werden die Schüler für eine bewusstere Wahrnehmung der Musik sensibilisiert. Zunächst wird der gleichbleibende Rhythmus auf dem Rücken des Partners mitvollzogen, wobei es weniger auf eine präzise
Ausführung als auf die körperlichen Empfindungen ankommt. Indem die Schüler ihre Eindrücke austauschen, äußern sie sich erstmals verbal (indirekt) auch über die Musik. In den nächsten Phasen wird die
Aufmerksamkeit mehr und mehr auf die Musik gelenkt. Ein Rollentausch kann z.B. mit dem Einsatz verschiedener Instrumente korrespondieren, die Intensität der Bewegungen entspricht den verschiedenen
Lautstärkegraden. Schließlich nehmen die Schüler sogar die verschiedenen Rhythmen der Instrumentengruppen wahr.
Eindrücke brauchen für ihre Verarbeitung auch einen Ausdruck – ein Medium
Für die Erstbegegnung mit der Musik bleiben die SchülerInnen in den Tandems. Die Rückenfläche des einen Schülers stellt eine Membrane dar, die Fingerkuppen des Akteurs dienen als Filzschlegel. Synchron zur Musik
übertragen die SchülerInnen sanft den stets gleichbleibenden Pulsschlag der Musik: lang – kurz, kurz / lang – lang - . Bei dieser Aufgabe kommt es weniger auf die rhythmische Präzision als auf ein emotional
getöntes Körpererlebnis an. Bevor die Aufgabenverteilung wechselt, tauschen die beiden SchülerInnen Eindrücke, Gefühle und Stimmungen aus.
In der sich anschließenden Phase geht es zum einen darum Pulsschlag und Gestus der Musik zu erfahren, zum anderen steht der körperorientierte Dialog mit dem Tandempartner im Vordergrund. Die SchülerInnen stehen
paarweise mit leicht angewinkelten Armen frei im Raum. Während einer der Schüler seine beiden Hände nach oben geöffnet hält, hüpfen die Fingerkuppen des Mitschülers federnd auf der manuellen
Aktionsfläche. Durch Blickkontakte ausgelöst wechseln die SchülerInnen mehrmals die Rollen. Dabei ergeben sich zahlreiche Interaktionsprozesse in Korrespondenz zu der erklingenden Musik. Häufig kommt es dabei zu
einer vollkommenen Übereinstimmung von Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Gefühlsfunktion: die SchülerInnen sind „ganz Ohr“.
In der folgenden Begegnung achten die SchülerInnen auf die dynamische Entwicklung der Musik und setzen diese durch die Intensität ihrer Fingerimpulse um. Lohnend ist schließlich auch ein Aufmerksamkeitsschwenk in
Richtung Basslinie. Während der Rhythmus des Kontrabass zunächst mit dem der Melodiegruppe identisch ist, sucht er in den folgenden Variationen neue Wege. Im Fingerkuppen-Dialog vermögen die SchülerInnen
gemeinsam diesen Veränderungen nachzuspüren.
Die Schüler „hören mit dem Körper“, die verschiedenen Übungen führen nicht zu Ablenkung, sondern bewirken vielmehr eine Hinwendung zur Musik. Ungewohnte Musik kann so
vertrauter werden, die Art des Umgangs erzeugt Ruhe und Konzentration statt Störung und Ablenkung. Die so erworbenen Erfahrungen mit der Musik führen oft zu einem „Körpergedächtnis“, das eine lernbiologisch
optimale Voraussetzung fĂĽr eine vertiefende kognitive Auseinandersetzung mit der Musik bildet. In einer solchen Auswertungsphase sollten sich die Erlebnisse und Erfahrungen zu Verstehensprozessen verdichten. Je
nach Klassensituation kann aber die hier beschriebene Begegnung mit der Musik bereits das Ziel des Unterrichts sein. (BCD)
Schlussbemerkung
Die skizzierten Unterrichtseindrücke mögen verdeutlichen, dass der Einbezug der Sinne und des Körpers nicht als
Quelle der VerfĂĽhrung und Ablenkung vom Wichtigen, Richtigen und Wahren fungiert. Im Gegenteil: er bietet
einerseits den SchülerInnen personale und soziale Erfahrungsmöglichkeiten, andererseits stellt er die lernbiologisch
notwendige Basis für die Kognition dar. Ein gestaltpädagogisch akzentuierter Musikunterricht leistet einen Beitrag
dazu, die Balance zwischen Sache, Ich und Wir im Auge zu behalten und damit dem ganzheitlichen Bildungsziel ein Stück näher zu kommen.
Anmerkungen
(1) Miller 1997, S. 11
(2) StrauĂź 1999, S. 36
(3) Reichel/Scala 1996
(4) Vopel 1996
Literaturhinweise
- CD Harnoncourt: Beethoven Sinfonien. TELDEC CLASSICS (1991) 2292 – 46452-2
- Reinhold Miller: Beziehungsdidaktik. Weinheim 1997
- Rene Reichel; Eva Scala: Das ist Gestaltpädagogik. Münster 1996
- Botho Strauß: Der Gebärdensammler – Texte zum Theater. Frankfurt am Main 1999
- Franz Sussmann: Am Rande der Stille. In: Musik und Bildung 6/1998, S. 46-49
- Franz Sussmann: Mit dem Körper hören. In: Musik und Bildung 2/2000, S. 15-17
- Klaus Vopel: Anwärmspiele. Salzhausen 1996
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