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Cornelia Büning, Essen
Die Violine
Lernen an Stationen in der Orientierungsstufe
(erschienen in: PÄD Forum 2000, Heft 4, S. 286-288)
Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit der Methode des Lernens an Stationen anhand einer Unterrichtssequenz, die in der Orientierungsstufe zum Thema “Die Violine” von mir konzipiert wurde.
Einzelne Stationen werden exemplarisch vorgestellt, die Durchführung und der Verlauf der entsprechenden Stunden geschildert und mit Fotos illustriert sowie die Vor- und Nachteile der Methode resümierend einander
gegenübergestellt.
Der Anstoß
In einem Gespräch mit einer Bekannten (Referendarin an einer Grundschule) über Lust und Frust des Referendariats - über Erfolgserlebnisse, Schwierigkeiten, nette und weniger nette Klassen, die ungeliebten
Lehrproben und anderes, was das Referendariat eben so ausmacht - sagte sie irgendwann folgenden Satz: „Ich finde es so frustrierend, dass wir in der Grundschule durch unterschiedliche Methoden wie Lernen an
Stationen und Werkstattunterricht versuchen, die Kinder zum eigenständigen Lernen zu erziehen und dazu, in einer Gruppe Verantwortung zu übernehmen, nur damit sie dann anschließend bei euch auf der
weiterführenden Schule im Frontalunterricht versauern.“ Ich war leicht pikiert, identifizierte ich mich doch schon mit der Zunft der S I- und S II-Lehrer. Meine Verteidigungsversuche in Richtung Gruppenunterricht
fielen recht schwach aus, und so bat ich sie, mir etwas über den von ihr erwähnten Werkstattunterricht und das Lernen an Stationen zu erzählen. Ihre Schilderungen über einen Unterrichtsstil, bei dem die Schüler
sich frei im Raum bewegen und sich angeblich geordnet und eigenständig ein Thema selbst erarbeiten sollten, machten mich so neugierig, dass ich in den folgenden Tagen ein von ihr empfohlenes Fachbuch über die
Methode des Lernens an Stationen in der Fassung für die Sek. I förmlich verschlang.1 Im Folgenden möchte ich die wesentlichen Aspekte dieser Methode kurz vorstellen und dann meine Anwendung auf den konkreten Unterricht sowie meine Erfahrungen damit schildern.
Zur Methode des Lernens an Stationen
Bei der Methode des Lernens an Stationen befinden sich im Unterrichtsraum verschiedene Stationen, an denen die Schüler sich selbstständig mit verschiedenen Teilaspekten des zu erarbeitenden Themas
auseinandersetzen. Diese Stationen werden in der Regel vom Lehrer vorbereitet und als obligatorisch oder fakultativ klassifiziert. Die meisten Stationen sind obligatorisch und beinhalten daher Themenschwerpunkte,
die von allen Schülern erarbeitet werden müssen. Die darüber hinaus noch zugänglichen fakultativen Stationen bieten weiterführende Aspekte, mit denen sich diejenigen Schüler beschäftigen können, die die
Pflichtstationen bereits absolviert haben. So ist eine Differenzierung möglich, die das unterschiedliche Lerntempo der Schüler besonders berücksichtigt.
Damit die Schüler den Überblick über die verschiedenen Lernstationen nicht verlieren, erhalten sie einen sogenannten Laufzettel, auf dem sie, nach vollendeter Arbeit an einer Station, deren entsprechende Nummer mit einem Haken versehen. Auf diesem Laufzettel sind auch die obligatorischen deutlich von den fakultativen Stationen getrennt.
Die Stationen sind an verschiedenen Stellen im Raum aufgebaut und bestehen aus einem Stationsschild, einem Stationszettel, Arbeitsblättern und den benötigten Materialien. Das Stationsschild sollte von weitem sichtbar sein und den Namen der Station nennen. Außerdem sollte für die Schüler darauf deutlich erkennbar sein, ob es sich um eine obligatorische oder um eine fakultative Station handelt, beispielsweise durch Kennzeichnung der Pflichtstationen mit einem roten Punkt. Unterhalb des Stationsschildes hängt oder liegt der Stationszettel,
dem die Schüler wichtige Informationen entnehmen sollen. Dies können etwa die Bedingungen sein, dass die Schüler zuvor eine andere Station bearbeitet haben müssen, um diese bewältigen zu können, oder dass an
der betreffenden Station nur eine Höchstanzahl an Schülern gleichzeitig arbeiten dürfen. Darüber hinaus enthält der Stationszettel Informationen in Form von Texten und Bildern und schließlich die
Aufgabenstellung mit eventuellen Hilfestellungen. Außerdem liegen an jeder Station Arbeitsblätter bereit, auf denen die Schüler, ihre Ergebnisse notieren können, sowie andere für die Arbeit benötigten Materialien.
Nach einer gründlichen Einführung durch den Lehrer in die Technik des Lernens an Stationen, dessen Ablauf und Regeln für alle gut sichtbar auf einem Plakat festgehalten werden sollten, beginnen die Schüler, indem
sie eine obligatorische Station auswählen, die ihnen besonders reizvoll erscheint. Sind die auf dem Stationszettel angegebenen Bedingungen erfüllt, vertiefen sich die Schüler in die Station und beginnen mit der
Arbeit. Sobald sie damit fertig sind, gehen sie mit ihrem Laufzettel zur nächsten Station und machen sich mit den dort an sie gestellten Aufgaben vertraut.
Anwendung der Methode auf die Unterrichtssequenz „Die Violine“
Eine im Ausbildungsunterricht anstehende Unterrichtsreihe zur Instrumentenkunde ermöglichte es mir, das skizzierte Konzept in die Praxis umzusetzen. Bei der Erstellung der Materialien war es mir wichtig, dass die
Schüler am Ende der Sequenz ein vollständiges Dossier über die Geige in Händen halten sollten. Darum gestaltete ich die Arbeitsblätter so, dass statt der Arbeitsaufträge nur die an den Stationen gegebenen
Informationen sowie die von den Schülern selbst erarbeiteten Ergebnisse darin enthalten waren. Mit Beginn der ersten Stunde erhielten die Schüler einen Heftstreifen mit dem Deckblatt für das Geigendossier und dem
Laufzettel, hinter den die an den Stationen erhaltenen Arbeitsblätter geheftet wurden, so dass sich das Dossier mit Bearbeitung der Stationen komplettierte.
Neben dem differenzierten Lerntempo bietet das Lernen an Stationen die Möglichkeit, auch den unterschiedlichen Lerntypen Rechnung zu tragen und so ein ganzheitliches Lernen zu gewährleisten. Bei der Gestaltung
eines Lernzirkels ist es darum von Bedeutung, dass diese Lerntypen an verschiedenen Stationen besonders angesprochen werden. Über die visuellen und auditiven Lerntypen hinaus sollten daher in dem Lernzirkel für
die Geige auch die haptischen und kinesthetischen Lerntypen gefordert werden, und so galt es, das Instrument Geige auf verschiedene Herangehens- und Handlungsweisen hin zu untersuchen.
Exemplarisch seien hier einige der insgesamt elf Stationen skizziert.
- Eine Station hieß „Die Bestandteile der Geige”. Hier mussten die Schüler durch ein Laufdiktat die Bestandteile der Geige, die auf dem Stationsblatt zu
sehen waren, auf ihr Arbeitsblatt, das auf dem Platz der Schüler liegen bleiben musste, übertragen. Da sie versuchten, so selten wie möglich zwischen der Station und ihrem Platz hin- und herlaufen zu müssen,
waren sie bemüht, sich die Bestandteile der Geige möglichst gut und sicher einzuprägen: die Lernbereitschaft war dadurch erhöht, während die Schüler gleichzeitig ihren Bewegungsdrang abbauen konnten.
- An der Station „Wir bauen eine Konservengeige”
fertigten die Schüler nach einer Gebrauchsanleitung aus einer Konservendose, einem Nylonfaden, Packband, einem Stück Holz und einem Knopf eine Konservengeige an und mussten untersuchen, wie sie darauf Töne unterschiedlicher Tonhöhe erzeugen könnten. Die Abhängigkeit der Tonhöhe von der Spannung der Saite sollte hier durch Experimentieren entdeckt werden. Praktisch orientierte Schüler waren dabei besonders angesprochen.
- Die Station „Tonerzeugung auf einem Einsaiter”
sollte die Schüler dazu führen, wiederum durch entdeckendes Lernen zu versuchen, verschiedene Töne auf einer Saite zu erzeugen und sich somit das Prinzip der unterschiedlichen Tonhöhen durch Abgreifen einer Saite zu erarbeiten.
- An einer anderen Station „Musik für verschiedene Besetzungen”
zogen vor allem die drei dort aufgebauten Walkmen die Aufmerksamkeit der Schüler an. Das Stationsblatt gab Auskunft über verschiedene Besetzungsmöglichkeiten, in denen eine Geige erklingen kann. Für drei dieser Möglichkeiten gab es auf den drei durchnummerierten Walkmen jeweils ein aus verschiedenen Epochen stammendes Hörbeispiel. Die Höranalyse dieser Beispiele sollte die differenzierte Wahrnehmungsfähigkeit der Schüler schulen.
- Die „Tonhöhen der vier Geigensaiten” waren an einer weiteren Station zu erforschen, die mit einer Geige und einem Metallophon ausgestattet war. Das kleine g war bereits eingezeichnet, für die übrigen Saiten aber nur der Tipp gegeben, die entsprechenden Tonhöhen müssten eine aufsteigende Linie bilden.
Neben den hier angedeuteten Stationen gab es noch eine Station, an der die Schüler sich spielerisch in Form eines Silbenrätsels die Bestandteile der Geige vergegenwärtigten und dabei auch selbst prüfen konnten,
wie viele sie schon behalten hatten. An einer weiteren Station wurden Spieltechniken handelnd erfahren. An den fakultativen Stationen konnten sich die Schüler über berühmte Geigenbauer informieren und Einblick in
die Werkstatt eines heutigen Geigenbauers nehmen bzw. den Mythos um den Teufelsgeiger Paganini lesend kennen lernen, um sich diesen dann an einem geeigneten Hörbeispiel leibhaftig vorstellen zu können - hier
sollten die Imaginationskräfte der Schüler aktiviert werden.
Schüler erarbeiten sich die Tonhöhen der verschiedenen Geigensaiten
Auswertung der Ergebnisse
Nachdem die Schüler sich nun zwei Stunden intensiv und völlig selbstständig mit der Violine beschäftigt hatten, schien
es mir absurd zu sein, im Sinne einer Richtig-Falsch-Abfrage die Ergebnisse lehrerzentriert und frontal abzufragen. Die
Auswertung lag darum wiederum in den Händen der Kinder. Zu Beginn der ersten Auswertungsstunde lag an jeder
Station ein Briefumschlag mit dem Namen der entsprechenden Station. Die Schüler konnten sich an eine Station
stellen, deren Ergebnisse sie gerne vorstellen wollten, und fanden dann in dem Briefumschlag das Material, das sie für
die Präsentation „ihrer” Station brauchten: Folienteile, Folienstifte, Kassetten mit den Hörbeispielen und - in allen
Briefumschlägen - Vorschläge für die Organisation einer Präsentation, die sie aber nicht umsetzen mussten. Nach
Ablauf einer kurzen Zeit, in der die Gruppen ihre Präsentation organisieren konnten, begann die Auswertung. Auch
hier konnte ich überwiegend im Hintergrund bleiben, musste nur selten falsche Ergebnisse korrigieren und natürlich
immer wieder den Bezug zur Geige herstellen, etwa bei der Konservengeige oder den auf dem Einsaiter erzielten
Ergebnissen. So agierten die Schüler erneut selbst, schlüpften teilweise als Experten durch Einbindung ihrer Mitschüler
in die Lehrerolle und eigneten sich gleichzeitig eine gewisse Methodenkompetenz im Präsentieren von Ergebnissen an.
Zwar mussten einige Schüler ihre Folie einige Male auf den OHP legen, bis das Geschriebene weder seitenverkehrt zu lesen war noch auf dem Kopf stand, aber beim nächsten Mal wird es schon schneller gehen.
Resümee
Wahrscheinlich lassen meine Schilderungen erahnen, dass das Konzipieren und die Durchführung eines Stationenlehrgangs einen nicht unerheblichen Arbeits- und Materialaufwand bedeuten. Dies will ich gar nicht leugnen.
Allerdings ist dies eine Sache der Organisation und der Absprachen. So wäre es beispielsweise möglich, einen
solchen Lernzyklus innerhalb einer Fachkonferenz zu entwerfen - das einmal erstellte Material wäre so allen
zugänglich und könnte, bei einem gängigen Thema, immer wieder verwendet werden. Durch Koordination unter den
in einer Jahrgangsstufe unterrichtenden Lehrern wäre zudem der Auf- und Abbau leichter zu organisieren und würde sich durch Nutzung in mehreren Klassen gleichzeitig noch mehr lohnen.
Neben den oben schon angedeuteten Vorteilen dieser Methode (Arbeiten im eigenen Lerntempo, Lernen mit allen
Sinnen, Bewegungsmöglichkeiten) wären hier noch viele andere Vorteile zu nennen. So fungiert der Lehrer als Berater
und steht während der Arbeit an den Stationen eher im Hintergrund. Er kann seine Schüler beobachten und sich
gegebenenfalls um einzelne Schüler besonders kümmern. Alle Schüler lernen gleichzeitig und unglaublich konzentriert
und erarbeiten sich ganz selbstständig eine große Menge an Unterrichtsstoff. Darüber hinaus motiviert die Arbeit mit
verschiedenen Materialien und das abwechslungsreiche Lernen die Schüler. Stationen mit Selbstkontrolle ermöglichen
es den Schülern außerdem, einen Schritt in Richtung autonomer Lerner zu tun. Schließlich wird soziales Lernen durch Hilfen an verschiedenen Stationen angeregt und Lernen in entspannter Atmosphäre ermöglicht.
Es mag viel erscheinen, sich vier Unterrichtsstunden mit nur einem Instrument zu beschäftigen. Allerdings lernen die
Schüler in diesen vier Stunden das Instrument Geige wirklich gut kennen. Dies konnte ich in zwei verschiedenen
Klassen anhand unterschiedlicher Leistungsüberprüfungen feststellen. In der einen Klasse schrieben die Schüler einen
recht traditionellen Test, der sehr gut ausfiel, während die Schüler der anderen Klasse ihre Kenntnisse in Form eines Jeopardy-Quiz spielerisch unter Beweis stellen mussten.
Die Schüler werden jedenfalls die Geige in Erinnerung behalten - weil sie mit Eifer und Lust gelernt und gearbeitet
haben. Statt beim Klingelzeichen schon in der Tür zu stehen, waren die Schüler in diesen Stunden auch nach dem Pausenzeichen kaum von ihren Stationen zu trennen...
Mein Fazit ist: Durch das Lernen an Stationen kann stressfreies, (auch) spielerisches und gleichzeitig sehr nachhaltiges
Lernen ermöglicht werden. Ich kann das Erproben dieser Methode jedem wirklich empfehlen - und nicht nur in der Unterstufe! Auch den Schülern der Oberstufe2 macht das eigenständige Arbeiten Spaß, wenn auch vielleicht nicht in
Form eines Silbenrätsels....
Anmerkungen
(1) Roland Bauer: Schülergerechtes Arbeiten in der Sekundarstufe I: Lernen an Stationen. Berlin: Cornelsen Scriptor 1997.
(2) Eine Unterrichtssequenz, die ich zum Thema Tango mit dieser Methode in einer Jahrgangsstufe 12 durchgeführt habe, ist bei den Schülern auf große Resonanz gestoßen.
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