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Praxisorientierter Oberstufenunterricht

 

Susanne Hidalgo, Krefeld

Afrokubanische Musik

Praxisorientierter Oberstufenunterricht

 (erschienen in: PÄD Forum 2000, Heft 4, S. 292-295)

 

Im „klassischen“ Musikunterricht der Oberstufe findet meist nur wenig musikpraktische Arbeit statt. Es gibt Themen, die ideal für einen praxisorientierten Musikunterricht in der Oberstufe geeignet sind. Dazu gehört z.B. die afrokubanische Musik. Der Artikel möchte Mut machen, einerseits auch solche Themen in der Oberstufe zu behandeln, andererseits den praktischen Anteil im Musikunterricht zu erhöhen.

 

 

Gehen wir in der Sekundarstufe I selbstverständlich davon aus, dass Lernen mit möglichst vielen Sinnen und möglichst abwechslungsreich zu erfolgen hat, scheint dies für die Oberstufe nicht mehr zu gelten. Der Unterricht wird sehr kopflastig. Dies gilt auch für den Musikunterricht, obwohl doch gerade Musik viele verschiedene Sinne anspricht. Blättert man die Bücher für den Musikoberstufenunterricht durch, findet man selten Anregungen für das Musizieren. Dabei wurde z.B. in den alten Richtlinien in Nordrhein-Westfalen das Gestalten als eine Unterrichtsmethode aufgeführt, in den neuen Richtlinien ist die klangliche Realisation als Unterrichtsform in der Oberstufe mit aufgenommen worden.

 

Theorie und Praxis

Es ist offensichtlich, dass sich nicht alle Unterrichtsthemen zur praktischen Arbeit anbieten. Auch die anderen Arbeitsformen müssen geübt und angewendet werden. In diesem Zusammenhang stelle ich mir oft die Frage: Wie machst du das mit den Klausuren? Dabei geht man anscheinend davon aus, dass beim Musizieren kein abfragbarer Inhalt gelernt wird. Meine Erfahrung ist da eine andere. Die Schüler können viele Unterrichtsinhalte besser begreifen, also lernen, wenn sie sie selber ausprobiert haben.

Ein Beispiel aus der afrikanischen Musik: Polyrhythmik. Das kann man theoretisch an einem Noten- und Hörbeispiel erklären. Für die Polyrhythmik ist es aber nicht entscheidend, dass mehrere verschiedene Rhythmen neben- bzw. übereinander her laufen, sondern dass sich die verschiedenen Rhythmen zu einem Rhythmus verschmelzen. Genau dieser Aspekt lässt sich aber am besten durch eigenes Ausprobieren erfahren. Kann der Musiklehrer seinen Schülern genau diesen Moment vermitteln, dann haben die Schüler sehr viel von afrikanischer und damit afrokubanischer Musik verstanden. Dieser Lernzuwachs ist auch in einer Klausur oder schriftlichen Übung abfragbar.

 

Warum afrokubanische Musik?

Bei der Suche nach geeigneten Kursthemen mit hohem praktischen Anteil bin ich auf die afrokubanische Musik gestoßen. Sie bietet einige Vorteile gegenüber anderen Musikformen. Zum einen werden verschiedene Instrumente verwendet, so dass alle Schüler mitspielen können. Zum anderen werden viele Perkussionsinstrumente eingesetzt, die erfahrungsgemäß leichter von Schülern erlernt werden können. Aber es werden auch Instrumente wie Bass, Klavier oder Bläser benötigt, die von den in jedem Musikkurs vorhandenen Instrumentalisten übernommen werden können. Afrokubanische Stücke können ohne Verlust des Charakters entsprechend der Schülergruppe umgeschrieben werden. Ist z.B. kein Schüler im Kurs, der einen Bass spielen kann, kann die Basslinie auf dem Keyboard gespielt werden, das Stück klingt immer noch gut! Die Bläsermelodien, die meistens von Blechbläsern gespielt werden, können von Blockflöten, Keyboards o.ä. gespielt werden, je nachdem, welche Instrumente in dem jeweiligen Kurs vorhanden sind. Auch gibt es die Möglichkeit, je nach Größe des Kurses das Arrangement zu verändern. In einem Kurs haben z.B. zwei Schülerinnen das Klaviertumbao1 auf dem Xylophon mitgespielt. Des weiteren kann auch die Abfolge des Stückes dem jeweiligen Kurs angepasst werden: gibt es jemanden in dem Kurs, der ein Solo spielen kann, wird es mit eingebaut, wenn nicht, kann es auch weggelassen werden.

 

Vorteile des Musizierens

Das Musizieren im Unterricht bietet einige Vorteile, z.B. die Möglichkeit, innerhalb des Kurses zu differenzieren. Jeder Musiklehrer kennt das Problem: die Instrumentalisten langweilen sich beim Lesen von Noten, während das für die Schüler ohne Notenkenntnisse eine absolute Herausforderung ist. Diesen beiden Gruppen gleichermaßen gerecht zu werden, ist nicht immer einfach. Beim Musizieren bekommen die Schüler, die Probleme mit dem Notenlesen haben, die einfacheren Stimmen, die guten Notenleser die schwierigeren Stimmen. Eine weitere Möglichkeit der Differenzierung ist die Instrumentenwahl: die Schüler, die kein Instrument spielen können, übernehmen ein einfaches Perkussionsinstrument (z.B. Guiro oder Maracas), die Instrumentalisten spielen ihr eigenes Instrument. Dabei kann es auch für den guten Musiker unter den Schülern eine Herausforderung sein, sich mit einem ihm fremden Instrument zu beschäftigen (z.B. als Gitarrist den Bass zu spielen).

Das Musizieren an sich ist integrativ, und fördert die Teamfähigkeit. Diese bekommt im heutigen Berufsleben einen immer höheren Stellenwert. Das gemeinsame Musizieren gibt eine Gelegenheit, dies in der Schule zu üben. Ein Musikstück kann nur gut werden, wenn alle die ihnen zugeteilte Aufgabe gewissenhaft erfüllen. Auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass in Phasen des Musizierens die Anzahl der Fehlstunden der Schüler zurückgeht. Es ist für mich immer interessant, das Verhalten der Schüler in den Übungsphasen zu beobachten. Da erklären sich die Schüler untereinander die Stimmen, da wird geklärt, wer, was, wie spielen muss, da übernimmt der Schlagzeuger wie selbstverständlich die Führungsrolle bei den Perkussionisten, da stellt der Nicht-Instrumentalist fest, dass das noch nicht richtig „groovt“. Die Rolle des Lehrers beschränkt sich in solchen Fällen darauf, das Ganze zu beobachten und bei Problemen zu helfen. Dabei ist es auch für die Schüler wichtig zu erfahren, dass eine Musiklehrerin nicht alle Instrumente spielen und trotzdem Tipps geben kann.

Ein weiterer Vorteil des Musizierens im Oberstufenunterricht ist die Möglichkeit der Präsentation bei Kulturabenden, Abiturfeiern etc.. Jeder Musiklehrer weiß, wie schwierig es ist, bei solchen Anlässen gute Aufführungen zu präsentieren. Hier ist eine Möglichkeit, aus dem Unterricht heraus und damit ohne großen zusätzlichen Aufwand etwas aufzuführen, das von relativ hoher Qualität ist und meiner Erfahrung nach gut beim Publikum ankommt.

Die Schüler eines 12er Musik-Grundkurses haben ihre Erfahrungen mit dem praktischen Musizieren als durchweg positiv beschrieben. Folgende Punkte wurden am häufigsten genannt:

  •        Es wird ermöglicht, verschiedene Instrumente auszuprobieren und kennen zu lernen.
  •        Man lernt andere Kulturen kennen.
  •        Es ist eine Abwechslung im normalen Schulalltag, es bietet die Möglichkeit kreativ zu sein.
  •        Die Theorie kann besser verstanden werden.

Übrigens haben einige Schüler dieses Kurses gemeinsam einen VHS-Kurs „Lateinamerikanisches Trommeln“ besucht, von dem sie überaus begeistert waren. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Dabei ging es mir in erster Linie nicht um den Inhalt des Kurses, sondern dass ich es geschafft habe, dass sich Schüler, die ansonsten wenig musizieren, freiwillig in ihrer Freizeit damit beschäftigen. Ich denke, ein größeres Erfolgserlebnis kann eine Musiklehrerin nicht haben.

 

Inhalte des Unterrichts

Die afrokubanische Musik ist sehr vielfältige und lässt sich unter verschiedenen Aspekten untersuchen. Da wäre zum einen der musikanalytische Aspekt: Was ist afrokubanische Musik, was ist typisch für eineRumba, für einen Cha-Cha-Cha, woran erkennt man einen Son, welche Instrumente werden gespielt, wie ist die Form, usw. Zum anderen kann der geschichtliche Hintergrund untersucht werden, also die Frage nach der Entstehung und der Weiterentwicklung der afrokubanischen Musik insgesamt aber auch einzelner Musikstile. Interessant ist auch der musiksoziologische Aspekt, also die Frage nach dem Stellenwert der Musik im Leben eines Kubaners. Das Thema bietet weiterhin auch Möglichkeiten des fächerübergreifenden Unterrichts mit Sport (Tanzen), Geschichte (Zeit der Entdeckungen) und Erdkunde (Entwicklungsländer, Lateinamerika).

Bei meiner Beschäftigung mit der afrokubanischen Musik ist mir klargeworden, dass man diese Musik als Verschmelzung zweier Kulturen, nämlich der europäischen und afrikanischen, verstehen kann. Da unsere Schüler mit der europäischen Kultur einigermaßen vertraut sind, mit der afrikanischen aber nicht, beginne ich immer mit einer Einheit über die afrikanische Musik. Dabei arbeite ich viel mit dem Buch „Musik in Schwarzafrika“ von Volker Schütz2, das auch viele Anregungen zum Musizieren beinhaltet.

Nach einem kurzen geschichtlichen Exkurs über die sog. Entdeckung Lateinamerikas behandle ich die Rumba als afrikanisch geprägte Musikform. Wichtig ist mir, dass die Schüler die afrokubanische Rumba als Gesamtkunstwerk verstehen: eine Rumba besteht sowohl aus Perkussion, als auch Gesang mit Vorsänger und Chor, Tanz. Aber auch das Publikum spielt eine bestimmte Rolle, obwohl es ein Publikum im herkömmlichen Sinne eigentlich nicht gibt. Bei der Rumba zeigen sich übrigens die Grenzen des Musizierens im Unterricht: ein Rumba-Rhythmus ist aufgrund seiner Komplexität und Kompliziertheit wohl kaum mit Schülern zu spielen. Ich versuche meist, einzelne Stimmen mit den Schülern zu spielen, um deutlich zu machen, dass es sich eben nicht nur um „ein bisschen Trommeln“ handelt.

In der nächsten Einheit beschäftigen wir uns dann mit einer Richtung der afrokubanischen Musik, die sehr europäisch geprägt ist: dem Cha-Cha-Cha. Der Cha-Cha-Cha eignet sich hervorragend zum Musizieren, da der Rhythmus relativ „gerade“, also für die Schüler leichter nachzuvollziehen ist.

Zum Abschluss des Themas bieten sich verschiedene Alternativen an: Man kann die Entwicklung in Kuba mit der Entwicklung der afroamerikanischen Musik in Nordamerika vergleichen. Ein weiterer Aspekt wäre die Untersuchung der lateinamerikanischen Tänze in Europa, speziell Deutschland.

Ganz aktuell ist der momentane Boom der lateinamerikanischen Musik in der sog. U-Musik, also der plötzliche Erfolg der alten Son-Musiker des Buena Vista Social Clubs oder das Comeback von Carlos Santana.

 

Material, Literatur

Es ist nicht einfach, Literatur zum Thema „Afrokubanische Musik“ zu finden. Daher empfehle ich zunächst zwei Bücher zur afrikanischen Musik, und zwar „Musik in Schwarzafrika“ von Volker Schütz3 sowie „Rhythmen und Lieder aus Guinea“ von Famoudou Konaté und ThomasOtt4. Beide Bücher beinhalten zahlreiche Notenbeispiele und sind mit Hörbeispielen erhältlich, was die Arbeit im Unterricht sehr erleichtert.

Als Grundlagenbuch über die verschiedenen lateinamerikanischen Musikstile kann das „Salsa Guidebook“ von Rebeca Mauleón5 empfohlen werden. Bei weiteren Materialien hat es mir sehr geholfen, dass ich mit einigen lateinamerikanischen Musikern befreundet bin und spanische Texte für die Schüler übersetzen kann. So behandele ich die Entstehung des Cha-Cha-Chas anhand eines Textes von Enrique Jorrin, in dem er schildert, wie er den Cha-Cha-Cha aus dem Mambo ableitete. Diesen Text habe ich zufällig in einem kubanischen Musiklexikon gefunden. Eine gute Zusammenstellung von lateinamerikanischen Rhythmen ist in dem Buch „Latin-American Percussion“ von Birger Sulsbrück6 enthalten. In Schulbüchern sind lateinamerikanische Rhythmen leider nicht immer authentisch.

Als Beispiel für den Cha-Cha-Cha eignet sich „Oye como va“ von Tito Puente. Dieser Song ist durch Carlos Santana bekannt geworden, der den Stil des Latin Rock geprägt hat. Noten finden sich in „Spielpläne Musik 7/8“7. Die Gesangsmelodie, die Begleitakkorde und die Skala zur Improvisation können hiervon übernommen werden. Ein passender Cha-Cha-Cha-Rhythmus kann den oben genannten Büchern entnommen werden, das Arrangement kann man von einer Aufnahme des Stückes abhören. Wichtig für den Charakter des Stückes sind besonders die Breaks, die mit den Schülern gut geübt werden müssen.

Ein weiteres gut geeignetes Stück für einen Musikkurs ist „Cocinando“ von Ray Barretto. Dazu gibt es ein fertiges Arrangement in dem Artikel „Musik aus Kuba: Santería, Salsa und Soneros“ von Carola Schormann8. In diesem Artikel finden sich Informationen über den geschichtlichen Hintergrund der kubanischen Musik sowie eine umfangsreiche Literaturliste. Grundsätzlich gilt: wer die Augen und Ohren offen hält, findet doch einiges Material zu dem Thema.

Material: Interview mit Tania, einer Kubanerin

 

Anmerkungen

(1)     Ein Klaviertumbao ist ein zu wiederholendes, rhythmisches Akkordpattern

(2)     Volker Schütz: Musik in Schwarzafrika. Arbeitsbuch für den Musikunterricht in den Sekundarstufen. Oldershausen: Institut für Didaktik populärer Musik 1992

(3)     Schütz, a.a.O.

(4)     Famoudou Konaté; Thomas Ott: Rhythmen und Lieder aus Guinea. Oldershausen: Institut für Didaktik populärer Musik 1997

(5)    Rebeca Mauleón; Salsa Guidebook. Sher Music, Petaluma 1993

(6)     Birger Sulsbrück: Latin-American Percussion. Copenhagen 1986

(7)     Spielpläne Musik 7/8. Stuttgart: Klett 1997, S. 94/95

(8)     Carola Schormann: Musik aus Kuba: Santería, Salsa und Soneros. In: Volker Schütz (Hg.): Musikunterricht heute - Beiträge zur Praxis und Theorie. Oldershausen: Institut für Didaktik populärer Musik 1996, S. 145-158